Serien 04. März - 09. April 2010
Rathaus Kirchheim am Neckar
Malerei - Fotoagrafie - Skulpturen
Josef Griesbaum, Claudia Dietz, Renate Leidner, Angelika Lill-Pirrung,
Ulla-Haug-Rössler,
Ute Selcho, Christa Vischer-Conradt, Inge Wanner

 


Claudia Dietz

Serien
Auszug: Einführungsrede zur Ausstellung von Christa Vischer-Conradt

Der Titel dieser Kunstausstellung heißt "Serien"- üblicherweise verbindet man mit "Kunst" das Einzigartige, Besondere bis hin zum Meisterwerk, die Serie dagegen entstammt eher dem industriellen Bereich, der Massenproduktion und damit stellt sich sogleich auch die Frage: "Können Serien Kunst sein?"

Kunst kommt ja sprachgeschichtlich von Können, von Fertigkeit, Geschicklichkeit und Kenntnis, wenn Faust im Gespräch mit Wagner zu Beginn seiner Suche sagt: "die Kunst ist lang und kurz das Leben", dann verwendet er Kunst im Sinne von Wissenschaft.

Kunst als "rein künstlerische, schöpferische Betätigung des Menschen" wird erst seit dem 18 JH. gebraucht und eine weitere Bedeutungsvariante steckt in "künstlich" im Gegensatz zu "natürlich".

Die "Serie" dagegen ist schnell definiert als Reihe, Folge, Wiederholung gleichartiger Dinge, weit entfernt also vom einzigartigen Kunstwerk und damit kehren wir zurück zur Ausgangsfrage: "Können Serien Kunst sein?" Eine erste Antwort könnte uns van Gogh geben, wenn er sagt:" ... man verlangt von uns Malern, dass wir immer selbst komponieren ... ich stelle mir die Arbeiten der alten Meister als Modelle vor die Augen. Und dann improvisiere ich darüber Farben, aber wohlverstanden, ich bin dabei nicht vollständig ich, sondern suche Erinnerungen an ihre Bilder zu geben ... das ist meine Interpretation".... van Gogh verwendet also Wiederholung und Kopie als Mittel, um seinem eigenen Ausdruck näher zu kommen.

In der Serie zu arbeiten, bedeutet also auch, sich selbst zu kopieren, das eigene Motiv zu variieren, was hat die Maler, Fotografen und Bildhauer dieser Ausstellung an der Serie gereizt?

Inge Wanner fragt zu Beginn ihrer Arbeit: Was ist eine Serie? .....
Inge Wanner hat sich für zwei Varianten entschieden - eine Bilderfolge in gleicher Farbgebung variiert das Motiv ,,Astfragment", bei der jeweils zwei Teile zu einem Bild zusammengefügt werden können, die zweite Bildfolge beinhaltet ein fortlaufendes Motiv - das Motiv "Berg in Landschaft"wobei jedes einzelne Bild einen selbstständigen Status besitzt und in der Reihung ein zusammenhängendes Motiv ergibt.

Josef Griesbaum wählte als Motiv "Wald" und Bach" aus und geht der Frage nach: "Was verändert sich an einem Motiv, wenn sich die Faktoren Zeit und Bewegung während der Belichtung verändern? Das Grundmotiv bleibt erhalten, neue Farben, Formen, Linien und Strukturen entstehen und das Motiv gewinnt durch diese Art der Abstraktion neue Lebendigkeit, wobei gewöhnliche Landschaftsmotive- bei Josef Griesbaum die Landschaft des Heckengäus- zu stimmungsvollen Kraftfeldern werden. Mit der absichtlich gesetzten Farbigkeit der Motive möchte er dem Betrachter Raum geben für eine neue Sichtweise des Altbekannten.

Ulla Haug-Rössler kombiniert in der Serie "Piazze" Fotografie und Malerei", Aufnahmen, die in Italien entstanden sind, setzt sie neu zusammen, überstreicht sie mit Farben, fügt verschiedenartiges Papier hinzu - aus diesen Verfremdungen ergeben sich neue, ungewohnte Bildebenen. Auch die zweite Serie befasst sich mit Mensch im Raum, der Mensch gehalten im Farbraum von vor allem Schwarz- Grautönen, die abstrahierte Figur und die Fläche wirken dabei fast wie ineinander verschmolzen, wie aufgelöst in den Raumkoordinaten der Vertikalen und Horizontalen.

Meine Arbeiten (Christa Vischer- Conradt) zeigen vor allem zwei Themenkreise: Ordnung im Raum und das freie Spiel mit Form und Linie, zwei durchaus polare Themenkreise. In der Serie "davordahinter" lege ich zuerst eine intensive, teils chaotische Farbfläche an, aus der ich anschließend durch die Übermalung mit Ölfarben eine neue Ordnung im Raum entstehen lasse, indem ich mich an Prinzipien wie vertikal- horizontal / davor- dahinter und Farbspiel und ruhende Fläche orientiere. Die sechs Bilder der Serie "kleine Formen" kombinieren beides: Die freie Linie und das Spiel der Formen, wie sie bei der Serie "aufgetürmt" zu sehen ist, verbindet sich mit einer klaren Ordnung im Raum.

Ute Selcho zeigt einen Teil ihrer Arbeiten aus der Serie "unknown landscapes" - Landschaften, Formen, Fragmente - bewusst ohne konkret örtlichen Bezug. Mit Blick auf die Natur und ihre Phänomene sind Collagen entstanden zwischen Bewegung und Statik, zwischen Kontrast und Leere. Neben klar abgegrenzten Flächenformen stehen einfache, stilisierte Motive wie ein Baum, ein Berg, eine Blüte. Ornamentale Ideen mischen sich ein und stellen sich dem Widerspruch zu der planvollen und konstruktiven Arbeitsweise.

Renate Leidner
zeigt eine Serie mit großformatigen, figürlichen Acrylbildern - Szenen aus dem Alltag, Begegnungen, Beziehungen sind ihre Motive. Sie legt großen Wert auf die farbliche Gestaltung und die dadurch entstehende Lebendigkeit, beide Serien variieren Rot- bzw. warme Grautöne. Das Format und das Motiv stehen in enger Beziehung zueinander- das großen Format ermöglicht es den dargestellten Figuren, Raum einzunehmen, sich auszubreiten - expansiv- großzügig und uneingeschränkt.

Angelika Lill- Pirrung setzt sich mit dem Thema Zeit auseinander und wählt dazu Materialien, an denen die Zeit deutlich erkennbare Spuren hinterließ. In der Serie ,,festgehalten" sind über 12 Monate Holzkästen mit Tonkörper entstanden, eingebettet in Wachs- diese Arbeiten enthalten "Erinnerungsschnipsel", Erinnerungsschnipsel, die erinnern, festhalten, loslassen ... Material, das Geschichte in sich trägt, wie alte Spindeln zum Wollespinnen, verarbeitet sie zu Objekten wie "spindeldürr" oder alte, benutzte Drähte werden in der Kombination mit Ton zu eigenständigen Objekten- "Stachelwesen".

Claudia Dietz schafft Steinobjekte, denen das Ausgangsmaterial nicht immer anzusehen ist- der Stein durchläuft bei der Bearbeitung eine Art Metamorphose, an deren Ende ein Objekt steht, das fast wie ein Fundstück aus der Natur wirkt. Die hier gezeigte Serie thematisiert Entwicklung und Behausungen- menschliche und tierische- natürliche oder doch künstlich geschaffene? Ihre archaisch wirkenden Arbeiten scheinen immer wieder die Frage aufzunehmen: Wie entwickelt sich etwas und welche Formen nimmt es dabei an?

Wer genau schaut, findet ganz sicher Antworten darauf.. ... und weil wir hier in Kirchheim auf eine Frage oder ein Motiv ja immer gleich mit mehreren Bildern und Objekten antworten, finden sie, wohin sie auch schauen, immer mehrere Antworten ... ganz serienmäßig ... und auch die Ausgangsfrage "Können Serien Kunst sein?" ist letztlich noch nicht vollständig beantwortet, vielleicht tut' s Ihnen auch eine Teilantwort des franz. Schriftstellers Joseph Joubert "Ihre Entstehung verdanken Meisterwerke dem Genie, ihre Vollendung dem Fleiß."


Bildnachweis: Josef Griesbaum


Angelika Lill-Pirrung

Josef Griesbaum

Renate Leidner

Ute Selcho

Ulla Haug-Rößler

Christa Vischer-Conradt

Inge Wanner